Das Chorgestühl um 1520

Das Chorgestühl diente den Mitgliedern des Kollegiatsstiftes St. Martini als Ort für ihre Tagzeitengebete. Die Stiftskanoniker lebten zwar nicht in klösterlicher Weise zusammen, bildeten aber eine geistliche Gemeinschaft und hielten als solche die vorgeschriebenen Stundengebete.

Das Chorgestühl aus Eichenholz ist Anfang des Jahrhunderts entstanden, da das auf dem rechten Gestühl dargestellte Nashorn einen Holzschnitt von Hans Burgkmair d. Ä. aus dem Jahr 1515 zum Vorbild hat und nach Einführung der Reformation in Mindens Ratskirche 1530 kein solches Gestühl mehr gefertigt wurde. Die Ausführung ist recht aufwändig und spiegelt so das Standesbewusstsein der Stiftskanoniker wider. Auf den Seitenwangen befinden sich stilisierte Weinreben – ein Hinweis auf das Paradies.

Eine Besonderheit bilden die auf den Seitenwangen platzierten vier Figuren: zweimal ein Drache und zweimal ein gepanzertes Tier in unterschiedlicher Ausführung. Eine dieser beiden Figuren lässt ein Nashorn erkennen (s.o.), das andere erinnert eher an ein Tapir oder ein Flusspferd. Hintergrund dafür könnte die Erfahrung mit Nilpferden sein, die das Volkes Israel in Ägypten gemacht hat. Jedenfalls sind beide Figuren im Alten Testament (Buch Hiob, Kap. 40) Symbole für das Böse: der Leviathan (der Drache) als das Böse am Land, der Behemoth (das gepanzerte Tier) als das Böse aus dem Wasser.

Warum aber umgeben sich die Stiftskanoniker bei ihren Gebeten mit Symbolen des Bösen? Die Antwort liegt im Detail: beide Untiere sind angekettet. Damit wird zum Ausdruck gebracht: Hier, wo wir beten, da regiert Gottes Heiliger Geist – und da ist das Böse gebannt!